Manaus gehört zu jenen romantisch verrotteten Belle-Epoque-Perlen, die man sich schön sehen muss und kann. Die bunt gestrichenen Fassaden des Dritten Rokoko und ihre verspielten Stuckaturen, Patios, Fayence-Kacheln und Eisenbalustraden Wettstreiten mit der barocken Vegetation und Vogelwelt. Die Amazonas-Metropole verdankte ihren märchenhaften Reichtum dem Kautschuk-Boom in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als die Engländer den Samen nach Asien ex­portierten, war es damit zu Ende. Malaysia produzierte billiger. 1925 schloss das rosafarbene Opernhaus, das ab 1883 mit seiner weithin sichtbaren in den brasilianischen Nationalfarben Grün und Gelb auf dem höchsten Punkt der Stadt errichtet und Silvester 1896 eingeweiht worden war. Nach aufwändiger Restaurierung wurde es 1997 seinem Dornröschen-Schlaf ent­rissen. Nun feierte das jeweils im April/ Vlai stattfindende Manaus Opera Festi­val sein 15-jähriges Jubiläum.

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Ein Problem für die Amazonas Filarmônica, deren Streicher wunderba- warm und homogen klingen, derer Holz- und Blechbläser beim «Tristan aber an Grenzen vor allem der Konzentration stoßen, ist die hohe Luft­feuchtigkeit. Nachdem das Interesse geweckt, die Ausbildung des Nachwuchses in die Wege geleitet ist, geh: Malheiro nun auch dieses Feld an. Instrumentenbauer aus der Region aus der 2700 km südlich gelegenen Metropole São Paulo experimentieren gerade mit einheimischen Hölzern, um Streichinstrumente zu bauenum die den klimatischen Bedingungen des regenwaldes gewachsen sind. Und auch auf dem Gebiet der musikwissenschaftlichen Sicherung, Erforschung und Ver­breitung des brasilianischen Kulturerbes ist der Festivalleiter initiativ. Nach­dem mit Unterstützung des Kulturmi­nisteriums modernes Aufführungsma­terial für alle zehn Bühnenwerke des «brasilianischen Verdi» Carlos Gomes (1836-1896) hergestellt und die wich­tigsten in Manaus aufgeführt wurden, geht es nun darum, entstellte Opern bekannter Komponisten in ihrer Urfas- sung zu rehabilitieren und verschollene Werke aufzufinden und zu retten.

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Klingt dieses Programm, zu dem aber auch gängigere Titel von «La traviata» bis «Hansel und Gretei» (sowie an­spruchsvoller «Mainstream» von «Les Troyens» über «Lulu» (2012) bis «König Roger» (2013) zählen, nicht ein wenig elitär? Malheiro lacht. «Hier in Ma- naus ist jedes Stück neu. Die Leute sind auf jede Oper gespannt. Ich habe also freie Hand.» Dass er seine hochgesteckten Ziele auch erfüllen kann, zeigt die Neuproduktion von Wagners «Tristan». Sie wurde als Hommage an Eliane Coelho auf den Spielplan gesetzt. Die brasilianische Sopranistin gehörte seit 1983 zu Michael Gielens Frankfurter, seit 1991 zu loan Holenders Wiener En­semble. Sie zeichnete denn auch ein bis in die kleinste Nuance ausgefeiltes, fas­zinierend vielschichtiges Porträt der «iri­schen Maid» als «Frau mit Vergangen­heit» und adelte es mit südlicher Wär­me, souverän disponiertem Farbreich­tum und betörender Legato-Kunst. Da war keine Phrase, keine Geste dem Zu­fall überlassen: eine Liebende und Hassende von mythischer Größe, eine schil­lernde Medea nicht aus nordischem Nebel, sondern aus kolchisch-ägäischer Glut.

Diese Interpretation war möglich geworden, weil sich Orchester und Regie ganz in den Dienst dieser Gestalterin stellten. Malheiro las seine organisch­atmenden Tempi fast wie ein Lied-