Tosca Salzburg Landestheater Klaus Billand Der Neue Merker (Áustria) 2010

SALZBURG/Landestheater: TOSCA am  9.3.2010


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Es ist dem Landestheater Salzburg hoch anzurechnen, dem jungen Nachwuchsregisseur André Heller-Lopes aus Brasilien eine Inszenierung der „Tosca“ im Haus für Mozart anzutragen. Heller-Lopes tritt bereits seit einiger Zeit mit gut durchdachten Inszenierungen verschiedenster Komponisten in Erscheinung. In Brasilien konnte der Rezensent „Idomeneo“ in Rio de Janeiro und „La fille du régiment“ in São Paulo erleben und an dieser Stelle besprechen, beide sehr gelungene Produktionen. Letztere war in ihrer Qualität vergleichbar mit der etwa zur selben Zeit an der Wiener Staatsoper und später an der Met gezeigten Neuinszenierung. 2003 wurde Heller-Lopes als Nachwuchskünstler für den Prêmio Carlos Gomes Preis nominiert. Im selben Jahr wurde er als Regisseur beim Royal Opera House Covent Garden für das  Young Artists Programme engagiert. Dort war er Regieassistent bei „Madama Butterfly“, „Sweeney Todd“, „The Tempest“, „The Rape of Lucretia“, „Ariadne auf Naxos“, „Tosca“, „Così fan tutte“, „La Forza del Destino“, „La Traviata“, „Die Walküre“, „Un Ballo in Maschera“, „Orphée“und „La Bohème“. Heller-Lopes inszenierte zu jener Zeit u.a. „Tagebuch eines Verschollenen“(Janácek) und „Cinq Poèmes de Baudelaire“(Debussy). Seine Spezialität wurden mittlerweile Opern des späten 19. Jahrhunderts und besonders des Verismo. Kürzlich wurde er zum Direktor des Nachwuchprogramms der Oper São Carlos in Lissabon berufen.
André Heller-Lopes gelang mit seiner Salzburger „Tosca“-Inszenierung in den relativ einfachen, aber umso wirkungsvolleren Bühnenbildern von Jürgen Kirner und den geschmackvollen Kostümen von Nicole von Graevenitz eine ergreifende, ja mitreißende und intensiv auf das menschliche Schicksal der Protagonisten abstellende Interpretation. Er befreite das Stück zu einem erheblichen Maß von der oft allzu religiösen Schwerpunktsetzung und hob es auf die unmittelbar nachvollziehbare politische Ebene, auf der man sich als Zuschauer sofort in die tragische Lage der drei Hauptfiguren Tosca, Cavaradossi und Scarpia, aber auch des Angelotti, hinein versetzen konnte. Die Kirche wird im 1. Akt stärker als sonst zum trügerischen Ort von Zuflucht Suchenden. Vor dem längst abgeblätterten Lack der abstrakten Kirchenarchitektur hängen religiöse Seriosität beschwörende antike Luster aus schwerem Silber. Nicht nur hier arbeiten Heller und Kirner mit starken dramaturgischen Kontrasten, welche die Aufführung ständig spannend halten. Eine riesige gestürzte Plastik des Gekreuzigten zeigt ein beklemmendes Bild von Jesus Christus als geschundenem Menschen, so wie Scarpia seine politischen Gegner unter dem Mantel von Glauben und Kirche im Hinblick auf seine Machtinteressen schindet. Diesem Jesus ist das Kreuz vor langer Zeit abhanden gekommen. Teile des Körpers fehlen bereits, er ist entwürdigt angesichts des viel interessanteren Spiels um Macht und Einfluss, auch unter Einsatz von Gewalt. Beklemmend, wie intensiv seine im Leid aufgerissenen Augen wirken, wenn sich in einer fast genialen Optik in 2. Akt im eleganten Saal des Polizeichefs langsam der Bühnenboden hebt und man in einem großen Spiegel die Folterbank und -knechte Scarpias auf der Unterbühne bei der „Arbeit“ sieht - unmittelbar unter den aufgerissenen Augen des Gekreuzigten. Endlich einmal wurde die ganze Brutalität dieser Tortur in bestem Verismo sichtbar. Im 3. Aufzug wird das nun noch tiefer gesunkene Kruzifix zum Symbol des blutigen Geschehens. Denn Caravadossi wird, nachdem man zunächst Angelotti am Galgen hängen sah, vor seinen ausgebreiteten Armen äußerst realitätsnah erschossen und sinkt auf ihnen tödlich getroffen zusammen. Um das Spiel von Lüge und Falschheit optisch zu charakterisieren, lässt Heller die Schergen Scarpias vermummt auftreten und so ihre wahre Identität vertuschen. Er spricht bei den Messdienern, jungen Ordensbrüdern, Chorschülern und Kapellsängern sowie beim Hirten das Phänomen der Maskierung an, welches heidnischen Gebräuchen in katholischen Gesellschaften in Italien, Portugal, Spanien und auch Brasilien entstammt. Einerseits phantastisch wirkend, erinnern die Masken aber auch an Gestalten aus unseren Albträumen. Dabei bringt Heller ein hier durchaus passendes kulturelles Element seiner Heimat Brasilien ein. Für ihn sind die Personen, die sich hinter den Masken verbergen, „kleine Teufel, kleine Ausgeburten unserer Träume und Ängste.“
Der Regisseur zeigt aber auch den ganzen Zynismus der Kirche, sich von den politisch Verantwortlichen in diesen Mahlstrom des Verderbens unter dem Mantel des Glaubens hinein ziehen zu lassen. Unglaublich spannend, wie sich da das „Te Deum“ im 1. Akt entwickelt und ein mit hochstilisierter Mitra prunkender Kardinal zum grellen Schlussakkord die Monstranz wie eine dogmatische Drohung gegen Akteure und Publikum richtet. Das ging wahrlich unter die Haut, zumal bei dieser Musik. Eine hervorragende Lichtregie verstärkte solche Momente sehr. Immer wieder variierte das Licht in flächenhaft gestalteten Farben und intensivierte nahezu unmerklich die Stimmungen der Szene oder bahnte kommende Dramatik an. Diese erreichte ihren Höhepunkt im 2. Akt, als sich Scarpia daran machte, Tosca auf der Tafel zu vergewaltigen, diese in panischem Herumfuchteln auf dem Tisch hinter sich das Messer ertastete und es ihm spontan in die Brust rammte - Notwehr in des Wortes wahrster Bedeutung. Es folgten noch einige weitere Attacken mit dem Messer, bis der Baron blutüberströmt ausgerechnet auf die Folterbank der Unterbühne fiel, auf der zuvor sein politischer Gegner Cavaradossi mit einer Kopfschraube gemartert wurde. Gleichzeitig sah man an der Haltung Toscas, dass die Tat auch ihr Ende bedeutete. In diesen und anderen Momenten zeigte Heller sein großes Talent zu differenzierter und intelligenter Personenführung, und das im besten Sinne des Verismo.            
Zu einem solchen Konzept gehören aber auch die entsprechenden Sänger-DarstellerInnen, und diese standen in Salzburg zur Verfügung. Allen voran die südafrikanische Tosca Amanda Echalaz, die bereits mit einem Einspringen in dieser Rolle an London Covent Garden Furore gemacht hatte. Sie zeichnet sich nicht nur durch eine recht große Stimme mit wunderschön abgedunkelter und daher charaktervoller Mittellage sowie klaren und kräftigen Höhen aus, sondern ist auch bildschön. So wurde der Kampf Scarpias um ihre Gunst umso nachvollziehbarer. Echalaz sang ein ebenso engagiertes wie emotionales „Vissi d’arte, vissi d’amore…“. Genauso intensiv, wie sie ihre Abneigung gegen Scarpia zum Ausdruck brachte, zeigte sie ihr fast krankhaft eifersüchtiges und romantisches Verliebtsein in Cavaradossi. Dieser wurde von dem attraktiven jungen Riccardo Massi verkörpert, der bereits Aufsehen beim renommierten Wexford-Festival erregt hatte, am Operstudio der Scala studierte und u.a. schon als Stuntman in Filmen wie „Gangs of New York“ und „Gladiator“ agierte. Mit viriler und höhensicherer Lage verströmte er viel tenoralen Glanz an diesem Abend und spielte den Maler mit großer Intensität und Empathie. Sein „Victoria!“ hielt er mit eindrucksvoller Höhe sehr lang. Die beiden waren ein sehr zueinander passendes Paar. In Jason Howard hatte Cavaradossi jedoch einen attraktiven Gegner. Howard hat immerhin schon den Fliegenden Holländer in Edmonton, Wotan in Strassburg und Jochanaan in Lissabon gesungen. Er spielte den Scarpia mit enormer Intensität in seinem unstillbaren Verlangen nach der Diva, eine tolle darstellerische Leistung. Sein eher heller Bass-Bariton ist klar artikulierend, verfügt über gute Attacke und wird auch sehr wortdeutlich geführt. Mit Howard und den beiden Verliebten bestand den ganzen Abend ein intaktes Spannungsfeld, welches das Publikum in seinen Bann zog.
Aber auch die Nebenrollen waren glänzend besetzt, so der profunde und ebenso markante wie charismatische Angelotti von Marcell Bakonyi, der ausdrucksstarke und fast wie eine Hauptrolle besetzte Messner von Hubert Wild, sowie Franz Supper als Spoletta, Simon Schnorr als Sciarrone, Rudolf Pscheidl als Schließer und der Solist des Kinderchores als Hirt. Der Chor, Extrachor und Kinderchor des Salzburger Landestheaters unter der Leitung von Karl Kamper und Thomas Huber sangen mit kräftigen Stimmen dem Geschehen entsprechend akzentuiert und waren auch bestens choreografiert.
Einen ganz großen Abend hatte das Mozarteumorchester Salzburg unter der musikalischen Leitung des Briten Leo Hussain, seit der Spielzeit 2009/10 Musikdirektor am Salzburger Landestheater. Schon der Auftaktakkord versprach große Dramatik, und so nahm die musikalische Interpretation auch ihren weiteren Verlauf. Intensive Klangfarben, ein sehr prägnanter und klarer Orchesterklang waren zumindest bei der im hinteren Parkett hervorragenden Akustik des Hauses für Mozart zu vernehmen. Hussain ließ besonders dramatische Momente auch expressiv musizieren, so das Auftreten Scarpias mit seinen Leuten in der Kirche im 1. Akt. Das klang wirklich überwältigend in Zusammenhang mit der Optik und André Hellers Personenführung. Aber Hussain vermochte auch Momente der Ruhe und Besinnung sehr zurückgenommen zu gestalten, so beim Abgang Toscas nach dem Dialog mit Scarpia im 1. Akt oder die letzten Takte des zweiten. Nur in der Dramatik der Auseinandersetzung zwischen Scarpia und Tosca in der zentralen Szene des 2. Akts gerieten einige Momente im Orchester etwas zu laut. In jedem Fall war es ein musikalisch bemerkenswerter Abend in Salzburg fernab der Festspieldiskussion und -euphorie.
(Fotos in der Bildergalerie)
Klaus Billand