„LA FILLE DU RÉGIMENT“ 29. April 2007

Teatro Municipal São Paulo

Der junge brasilianische Nachwuchsregisseur André Heller-Lopes, machte nach einem unkonventionellen „Idomeneo“ in Rio de Janeiro im Mai 2006 nun mit einer Neuninszenierung von Donizettis „La Fille du Régiment“ am Theatro Municipal von São Paulo auf sich aufmerksam. Dieses Projekt war auch deshalb interessant, weil es Vergleiche mit der fast parallel an der Wiener Staatsoper heraus gekommenen Neuninszenierung von Laurent Pelly nahe legte. Heller-Lopes, sein Bühnenbildner Renato Theobaldo und Kostümbildner Marcelo Marques sowie der Beleuchter Fábio Retti müssen diesen Vergleich nicht scheuen. Im Gegenteil: Mit dem großen Salon der Marquise de Birkenfeld im 2. Akt gelingt ihnen eine visuell und dramaturgisch überwältigende Schilderung der Morbidität des Hochadels mit seinen verzopften und klischeehaften Vorstellungen und Werthaltungen. Diese werden durch die menschliche Direktheit der Liebe zwischen Marie und Tonio umso stärker ins Wanken gebracht und vom schließlich mit der Unterbühne hochsteigenden 21. Regiment mit Gewehr im Anschlag „hochgenommen“.

Wie in der Wiener Inszenierung wird auch hier zu Beginn abgestaubt, allerdings keine antiken Möbel, sondern eine die ganze Bühne beherrschende Galerie alter Ölportraits in klassischen Riesenrahmen. Die portraitierten Persönlichkeiten sind bereits unter der Patina der Vergangenheit unerkennbar verblichen. Als dann aber Tonio die Marquise mit den Tatsachen ihrer Vergangenheit konfrontiert, werden diese Persönlichkeiten wieder klar erkennbar. Nun hat die Vergangenheit auch die Marquise eingeholt - ein sehr sinnvoller Regieeinfall, der ihre Einwilligung in das Unvermeidliche umso verständlicher macht. Während die zur Unterschrift des Ehevertrages erscheinende „vornehme Gesellschaft“ in der Wiener Produktion wie eine Abordnung aus den gerontologischen Abteilungen diverser Sanatorien wirkte, ließ Heller-Lopes sie als bunte Mischung von Transvestiten auftreten. Damit spielte er auf ein bekanntes brasilianisches Phänomen an, welches im dortigen Karneval immer wieder humoristisch thematisiert wird - also eine Karikierung der „vornehmen Gesellschaft“ auf brasilianisch. Überhaupt lebte die Dramaturgie des 2. Aktes mit einer wohl dosierten  Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit auch von der gekonnten Anspielung auf brasilianische Eigenheiten mit einer Portion Lokalkolorit, wenn es darum ging, die Welt der Vermögenden aufs Korn zu nehmen. Da die gesprochenen Passagen auf Portugiesisch erfolgten, bekam dieser Akt umso stärkeren Unterhaltungswert und wurde mehrfach von Szenenapplaus unterbrochen. Hierzu trug aber auch die exzellent gesungene und facettenreich dargestellte Marquise durch die brasilianische Mezzosopranistin Denise de Freitas bei. Sie entwickelt sich immer mehr zu einer Sängerdarstellerin internationalen Formats. Erinnert sei hier an ihren Siebel in der konzertanten „Faust“-Aufführung in São Paulo im Mai 2005.

Aber auch im 1. Akt findet das Regieteam zu einer ästhetischen Lösung, die jedem Vergleich mit der Wiener Neuinszenierung standhält. Ein helles farbiges Bühnenbild mit kubistischer Stilisierung und Landschaftsandeutungen vor himmelblauem Horizont deutet die Gefühlswelt des 21. Regiments spielerisch und bisweilen parodistisch mit einem Abstraktionsgrad an, der dem Stück besser ansteht als übertriebener Realismus. Der Arbeitskarren der Regimentstochter ist das einzige konventionelle Bildelement im Stile eines Otto Schenk. Mit dieser Abgrenzung zur Fantasiewelt der Soldaten wird der Realitätsbezug der zentralen Figur sogleich sichtbar und in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt. Die Personenregie Hellers und die Choreografie des 21. Regiments durch Lilia Shaw und Raymundo Costa lassen nichts zu wünschen übrig.

Die bekannte brasilianische Sopranistin Rosana Lamosa, die im „Ring des Nibelungen“ im brasilianischen Manaus Woglinde, Helmwige und den Waldvogel sang, verkörperte die Titelrolle. Sie brachte viel Empathie und Authentizität in die Partie ein und zeigte eine Koketterie, die den 1. Akt sehr belebte. Stimmlich konnte sie sich über den Abend steigern, denn beim ersten Soldatenlied war die Höhe nicht gut, und es fehlte auch an Tiefe. Im 2. Akt gelang ihr aber eine verinnerlichte und sentimentale Arie über ihre Vergangenheit beim Regiment, in der sie auch schöne Piani hören ließ. In der folgenden Arie mit dem Soldatenchor brillierte Lamosa bei guter Technik ebenso wie am Schluss auch mit einer überzeugenden Höhe. Dennoch ist die Regimentstochter, schon vom Volumen her, für sie eine Grenzpartie. Ihr Tonio war der südbrasilianische Tenor Flávio Leite, aber eigentlich nur im Programmheft. Denn was man auf der Bühne hörte, hatte mit Belcanto nicht viel zu tun. Da sich die Regie der offensichtlichen Mängel bei seiner Bewältigung dieser anspruchsvollen Partie bewusst war, griff man in die Trickkiste der Komödiantik und ließ ihn die berühmte Arie „Ah, mes amis…“ auf einem Podest singen (damit er höher komme…), die Soldaten mit Nummern von 1 bis 9 die neun hohen Cs abwinken und schließlich wie nach einer Boxrunde ein Spruchband „Applaus“ über die Bühne ziehen… Das war zwar unterhaltend, vermochte aber nicht darüber hinweg zu trösten, dass Leites Stimme für die Rolle zu klein und zu unbeweglich war und die geforderten Höhen nicht meistern konnte. Aber wie viele Tenöre singen heute einen guten Tonio?! Der Brasilianer Douglas Hahn gab hingegen einen klangvollen Sulpice, der auch gefällig agierte. Marcio Marangon war ein amüsanter Hortensius. Die Schauspielerin und Theaterdirektorin Jacqueline Laurence gab eine bizarre brasilianisch kolorierte Rollenstudie der Herzogin von Krakentorp. Der von Mário Zaccaro einstudierte Herrenchor sang mit großem Volumen, viel Verve und bester Artikulation.

Der brasilianische Dirigent José Maria Florêncio, vor kurzem zum neuen Chefdirigenten des Orchestra Sinfônica Municipal von São Paulo ernannt, leitete das Orchester umsichtig und sorgte für beschwingte Transparenz und akzentuierte Rhythmik in den das Regiment betreffenden Passagen. In dem so „unterhaltsamen“ 2. Akt unterstützte er die Handlung wirksam und sorgte dafür, dass stets der Operncharakter gewahrt wurde. Florêncio hat übrigens 20 Jahre in Polen gewirkt und musikalische Leitungsfunktionen in Lodz, Breslau, Krakau, Warschau und Posen inne. Er studierte u.a. an der Julliard School of Music in New York und der Wiener Musikakademie. Viel spricht dafür, dass von diesem Dirigenten und vom jungen Regisseur André Heller-Lopes eine weitere Belebung des ohnehin in den letzen Jahren in Schwung gekommenen brasilianischen Operngeschehens zu erwarten ist.   
                                             

Klaus Billand, Wien